Geschichte

1850
Der große Brand
tausend Menschen wurden obdachlos

Es war zehn Uhr vormittags. Knabenschulmeister Lutz entließ seine Buben mit dem Schlussgebet. Sie rannten hinaus – und hielten unter der Haustür inn Eine dunkle, hohe Wolke verdeckte die Sonne, es roch nach Rauch. Und schon tönte aus dem Giebelfenster der Mädchenklasse, von dem aus man in die Hintere-Gasse blicken konnte, eine entsetzte Stimme: „ Im Wii’kl brennt’s!“ Schreiend stürmte die Kinderschar die Pfarr-Gasse hinunter. Als die Vordersten um den „Storchen“ bogen, blieben sie erschrocken stehen. „Bi’s Siebmachers! Johannes, bi eib!“ riefen sie dem 13jährigen Buben des Boten Johannes Stähle zu. Der rannte los, brüllte nur ein Wort: „Christian!“ Er wusste, die Eltern und die große Schwester waren im Feld, den kleinen Hansmarte hatten sie mitgenommen. Aber der Christian! Der hatte sich am Morgen wieder hingelegt und gesagt, ihm sei so elend. Jetzt schlugen die Flammen gerade aus seiner Kammer. Doch noch ehe der Bub den Winkel erreichte, sah er seinen Bruder auf der Straße stehen und zum brennenden Elternhaus hinüber starren. Eben barsten überm angebauten Wohnteil des Friesers Maier die Schindeln, schon schoss auch dort die Lohe heraus. Der Christian schien den Bruder gar nicht zu bemerken, murmelte nur immer wieder: „Sell hau-n-i net wella!“ Der Kleine verstand nicht.

Prasselnd flogen brennende Schindeln und glühende Strohbüschel in den Himmel: Das Krachen berstender Bretter übertönte das Kreischen der Kinder und die Hilferufe der Nachbarn, die überall aus den Häusern stürzten. Jetzt dröhnte auch die Sturmglocke, und das Feuerhorn tutete vom Rathaus. Eine schwarze Qualmwolke quoll aus dem Doppelhaus, verhüllte die Häuser auf der anderen Seite der Winkel-Gasse. Das Feuer hatte den Barn erreicht, dort lagerte das frisch eingebrachte Heu. Der Südostwind trieb Flammen und Rauch quer über die Gasse. Zäune, Büsche und Holzwerk waren ausgetrocknet von der Sommerhitze. Noch ehe der erste Löschwagen vom Rathaus heran war, brannte der ganzen Häuserzeile gegenüber, hatte die Gluthitze auch die beiden Nachbarhäuser entzündet. Wohl hatten Nachbarn und Schulkinder sofort Ketten mit Eimern und Gölten zu den nächsten Brunnen gebildet, aber jetzt fielen glühende Fetzen und heiße Asche so dicht, dass sich niemand mehr in der Winkel-Gasse halten konnte, und bald wurde der Sog des Feuers so stark, dass ein brausender Flammensturm schräg aufwärts jagte.

Schultheiß Bürk, der im Feesenwald Holz ausgemessen hatte, sprengte auf seinem Fuchs daher. Er schickte die Leute mit der Spritze sofort zurück zum Rathaus, denn der Wind drängte die Brunst dem Markplatz zu. Dem Apotheker Daniel befahl er, mit der nächst erreichbarer Rotte die Rathausakten zu bergen und ins Schulhaus tragen zu lassen. Dann rannte er dem Kirchturm zu; er wollte einen Überblick gewinnen. Was er von der Glockenstube aus sah, ließ sein Herz für einen Augenblick stocken. Noch war keine Stunde seit dem ersten Alarm verstrichen, und schon zählte er ein volles Dutzend brennender Häuser. Das Feuer hatte die Hintere-Gasse übersprungen; es qualmte aus den beiden Eckhäusern am Metzgergässle; aus der Seifensiederei beim Rathaus züngelten die Flammen; in den Gärten brannten die Obstbäume wie Fackeln. Bis zu ihm herauf stoben die Funkenschwärme.

Die Feuerwehr war fast hilflos. Überall rannten Leute mit wild gewordenen Kühen und Rossen, verstopften die Gassen mit Karren voll Hausrat, hinderten die Rotten mit ihren Leitern und Stangen. Es war höchste Zeit, die Nachbargemeinden zu Hilfe zu rufen. Am Rathaus traf Bürk seine Rottmeister. Die Feuerreiter waren alle schon los geritten. Die vier Spritzen mühten sich noch, das Rathaus zu retten; aber die Hitze hatte sie schon aus der Hintere-Gasse vertrieben. So weh es dem Schultheiß fiel, das neue Kauf- und Rathaus aufzugeben, er musste versuchen, dem Brand jenseits des Marktplatzes Einhalt zu gebieten. So schickte er je zwei Rotten an den Eingang zum Bildacker, zum Mutzenbühl und zum Außerdorf, zwei andere sollten versuchen, durch die Spital-Gassse in den hinteren Winkel zu kommen; zwei mussten den unteren Teil der Hintere-Gasse und die Schützen-Gasse sperren, falls der Wind sich drehte; der Rest hatte die Kirche zu schützen, welche inzwischen in höchste Gefahr geraten war.

Währenddessen hatte das Feuer tatsächlich das Rathaus, den Stolz der Gemeinde, noch keine 20 Jahre alt, von zwei Seiten zugleich ergriffen. Aber niemand hatte Zeit, wehmütigen Gedanken nachzuhängen. Im Dorf spielten sich erschütternde Szenen ab. Vor Birschtlejockiles Haus packte der tobende Orkan einen Sarg und warf ihn samt Leiche des Kindes, das dort aufgebahrt lag, vom Hof auf die Straße. – Der Uhrenhändler Johannes Benzing, dessen Frau kurz zuvor von sechs Kindern weggestorben war, bekam es mit der Angst zu tun, als im unteren Bildacker die nahe gelegene Werkstatt des Flaschners Mehne zu brennen anfing. Die Familie packte ihren ganzen Hausrat auf einen Wagen und führte ihn zu Verwandten auf dem Mutzenbühl. Und dann mussten sie erleben, dass deren Haus samt dem beladenen Wagen verbrannte, während ihr eigenes, leeres Häuschen vom Feuer verschont blieb.

Der Waldhornwirt Lauffer war, als der Alarm kam, ins Metzgergässle geeilt, um seinem Gödde, dem alten Kiefer-Christe, beizustehen. Zusammen hatten die das Vieh losgebunden und zur Wette hinuntergetrieben, hatten Bettstücke und Geräte auf den Heuwagen geladen und waren eben dabei, die übrigen Fahrzeuge aus dem Schopf zu ziehen, als ihm ein Nachbar zurief, das Waldhorn sei auch schon am Brennen. Als er hinaufkam, war nicht mehr viel zu retten. Sein Weib hatte völlig den Kopf verloren, als die Schmiede nebendran erfasst wurde. Sie hatte nur die Bierbücher gepackt, um sie zu retten. Und der Knecht, der noch kurz vorher mit dem Bierwagen angekommen war, hatte nichts Wichtigeres zu tun gehabt, als in seine Kammer hinauf zu rennen, einen Sack Mehl auszuleeren und seine paar Habseligkeiten hineinzustopfen. So brannte die Wirtschaft ab, nur das Bräuhaus dahinter konnte die Dauchinger Feuerwehr retten. Im Brennerwäglie führten die Wirtsleute ein paar gerettete Sachen eilends zur Au hinunter, während aus einzelnen Fenstern in der Spitalgasse schon die Flammen schlugen. Am Sammelplatz, wo bereits Hunderte von Ausgebrannten tatenlos hockten oder aufgewühlt ihre Erlebnisse besprachen, gab es neue Not. Der kleine Johannes fehlte, niemand hatte ihn gesehen. Mit Mühe nur gelang es dem Wirt, sein Weib davon abzuhalten, wieder ins brennende Dorf zurückzulaufen, um nach ihm zu suchen. Die Verzweiflung der Familie war grenzenlos. Erst abends kam der Sechsjährige mit dem Sauhirten zu den Seinigen; der Hirte hatte ihn auf dem Feld bei sich behalten, um ihn vor Schaden zu bewahren.

Zu der Zeit waren an die hundert Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Feuersbrunst hatte erst aufgehört, als sie den Nordrand des Dorfes erreicht und keine Nahrung mehr gefunden hatte. Durch die Mithilfe aller benachbarten Feuerwehren war es wenigstens gelungen, dem Flammenwüten dort Einhalt zu gebieten, wo der Wind nicht unmittelbar hinwehte. Aber 180 Familien, fast tausend Menschen, waren obdachlos geworden; ihr Jammer zu groß. Ein Wunder, dass niemand umgekommen war im Feuer.

Natürlich wurde nun die Frage immer lauter, wie der Brand in dem Siebmacher Haus hatte entstehen können. Bald wurde es zur schrecklichen Gewissheit: Das Feuer war absichtlich gelegt worden. Der 17 jährige Sohn Christian hatte, um seinem Vater Geld zu stehlen, den Wandschrank aufgebrochen. In der Furcht, seine Untat könnte entdeckt werden, hatte er das Stroh in der Tenne angezündet. Nichts nützte es hinterher der Gemeinde, dass er zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Seine Familie verfiel der öffentlichen Schande und wanderte nach Amerika aus, wohin ihr der Bursche nach seiner Freilassung folgte.

Zwar ergoss sich ein Strom von mildtätigen Gaben aus der Gemeinde und aus weiten Teilen des Landes über die Heimgesuchten. Zwar erwies sich nun die staatliche Brandversicherung, über welche so viel gescholten worden war, als ein wahrer Segen. Aber es dauerte Jahrzehnte, bis sich die geschädigten Familien wieder erholt hatten, zumal etliche Hungerjahre in der Folge die Not noch verstärkten.